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Notstand Weiterbildung

Nachhaltige Strukturpolitik statt Absichtserklärungen

Unterversorgung mit Angeboten, verstärkte soziale Selektivität, gravierende Qualitätsprobleme und hohe Intransparenz gefährden den individuellen und gesellschaftlichen Nutzen von Lernbemühungen. Die immer wieder in allen nationalen und internationalen Studien festgestellten Beteiligungs- und Angebotslücken sind einerseits Ausdruck von Marktversagen. Immer mehr wurden im neoliberalen Mainstream die Prinzipien der Individualisierung, Privatisierung und Kommerzialisierung hochgehalten und durchzusetzen versucht: Ihr Kern ist, den wachsenden Bedarf an Weiterbildung realisierbar zu machen bei gleichzeitiger Begrenzung und Entlastung des Aufwands von Betrieben und Gesellschaft und die Privatisierung des Lernrisikos durch mehr Selbstorganisation und Eigenverantwortung. Unter dem Deckmantel emanzipatorisch-aufklärerischer Begrifflichkeit der Selbstbestimmung wird dabei Weiterbildung zur Pflicht und Bringschuld des Einzelnen. In der Konsequenz heißt das: Wer es schafft an der Welt der neuen Lernkulturen vielfältig Teil zu haben und sich als Leistungsexperte mit hohen Kompetenzen auszustatten, der gehört zu den Gewinnern.

Die Krise des deutschen Weiterbildungssystems
Die Krise des deutschen Weiterbildungssystems ist aber auch gleichzeitig eine Folge von „Staatsversagen". Es ist ein entscheidendes Versäumnis der Bildungspolitik der letzten 25 Jahre, dass öffentliche Verantwortung für die Weiterbildung nicht ausgebaut und umgesetzt wurde. Mit dem Hinweis auf die Steuerungskräfte von Markt, Pluralität und Subsidiarität wurde stattdessen auf Deregulierung gesetzt und es wurden die Strukturdefizite billigend in Kauf genommen.

Wir brauchen mehr öffentliche Verantwortung

Angesicht der zunehmenden Bedeutung von Weiterbildung für Wachstum, Innovationen und Lebensperspektiven ist Umsteuern und Politikwechsel notwendig für ein neues solidarisches System, das allen mehr Teilnahme ermöglicht und das Weiterbildung zusammen mit der Vorschul-, Schul- und Hochschulausbildung Deutschland in die Spitzengruppe der europäischen Bildungsgesellschaften bringt.

Wir brauchen mehr öffentliche Verantwortung. Das heißt bezogen auf Weiterbildung keineswegs sofort staatliche Trägerschaft oder ausschließlich staatlichen Mitteleinsatz. Es geht nicht um den Grabenkampf „Staat versus Markt", sondern um eine gesellschaftliche Gesamtverantwortung: Der Staat soll aktiv gestaltend in das Weitebildungsgeschehen eingreifen für mehr Regulierung und Systematisierung des wildwüchsig expandierenden Bildungsbereichs. Er soll Spielregeln setzen. Mit Vergesellschaftung statt weiterer Privatisierung meinen wir die gemeinsame Verantwortung von Staat und gesellschaftlichen Gruppen für Organisation, Finanzierung, Qualität, Regelung des Zugangs, Abschlüsse und Qualifizierung des Personals.

Bundesgesetz unverzichtbar
Zur Umsetzung öffentlicher Verantwortung ist ein Bundesgesetz unverzichtbar. Die Aufforderung der Fraktionen von CDU/CSU und SPD an die Bundesregierung vom März 2008, „zu prüfen", ob die Weiterbildung mit bundeseinheitlichen Rahmenbedingungen systematischer gefördert werden kann", ist mehr als dürftig. Angesichts der langen bildungspolitischen Tradition, die die Forderung für Bundesregelungen in der Weiterbildung hat, fällt auch diese Große Koalition hinter ihre eigene Koalitionsvereinbarung zurück.

Die gewerkschaftliche Initiative „Bundesregelungen für die Weiterbildung" von ver.di, IG Metall und GEW, die schon 2000 erstmals ihre Vorschläge vorgestellt hat, meldet sich aus diesen Gründen erneut zu Wort und legt ihr neues Konzept für ein Weiterbildungsgesetz vor. Für die Initiative haben wir ein breites Reformbündnis mobilisiert.

Nationaler Weiterbildungsplan erforderlich
Auch wenn mit einem Bundesgesetz nicht alles zu klären ist, so wird aber eine Arena definiert, in der Verbindlichkeit, Verlässlichkeit und Planungssicherheit für alle Beteiligten hergestellt werden können. Wir brauchen eindeutige Kompetenzstrukturen wie sie im Berufsbildungsgesetz für die Ausbildung festgelegt sind. Bisher hat die Bildungsministerin Bundesbildungsministerin Annette Schavan keinen nationalen Weiterbildungsplan vorgelegt, der Ansätze in diese Richtung erkennen lässt. Mit Bildungssparen, dem Ausbau regionaler Strukturen und der angekündigten Weiterbildungsallianz werden zwar verschiedene Reformbaustellen eröffnet, die in eigenen Punkten positive Effekte für die Weiterbildungsentwicklung haben können. Sie drohen aber ins Leere zu laufen, weil sie nicht eingebettet sind in eine umfassende Strategie für ein neues Weiterbildungssystem. Nach wie vor ist in Schavans Plan die Architektur des Gesamthauses nicht erkennbar.

An die Adresse der Politik sagen wir als Gewerkschaften deutlich: Tarifverträge und Bundesregelungen für die Weiterbildung sind keine alternativen Problemlösungen. Sie ergänzen sich vielmehr. Tarifverträge können eine viel stärkere Wirkung entfalten, wenn sie in ein gesetzlich verankertes Weiterbildungssystem eingebettet sind. Ein neues Weiterbildungssystem kann nur vom Staat, den Tarifvertragsparteien und den Betrieben gemeinsam gestaltet werden. Eine Weiterbildungsoffensive ist keine Sache des einzelnen Betriebes, des Staats allein und schon gar nicht des einzelnen, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Das heißt: Wir brauchen Aktivitäten, die nicht im Sinne von Verschiebebahnhöfen substituierbar sind, sondern sich gegenseitig ergänzen und unterstützen.

Rahmenbedingungen notwendig
Selbstverständlich gibt es mittlerweile einen breiten Konsens in den Gewerkschaften darüber, dass die betriebliche Weiterbildung Rahmenbedingungen braucht und mit Tarifverträgen verbindliche Ansprüche für die Beschäftigten geschaffen werden müssen. Angesichts der Tatsache, dass die betriebliche Weiterbildung bisher ein weitgehend regulierungsfreier Raum geblieben ist, ist es eine Zukunftsaufgabe, Weiterbildung zu einer Kernaufgabe qualitativer Tarifpolitik zu machen.

Handlungsbedarf besteht aber auch bei den Akteuren im Betrieb. Laut einer IAB-Studie sind die Weiterbildungspraxis und die Teilnahmemöglichkeiten für die Beschäftigten dort besser, wo die Betriebs- und Personalräte sich engagieren. Sie müssen sich zu Promotoren der Personal- und Organisationsentwicklung im Betrieb entwickeln können. Es geht darum, die Hemmnisse und Widerstände zu überwinden, die Betriebs- und Personalräte nach wie vor eher zu reaktiven statt aktiven Interventionen in das betriebliche Weiterbildungsgeschehen veranlassen.

Öffentliche Weiterbildungspolitik
Alle Aktivitäten auf der tariflichen und betrieblichen Ebene ersetzen jedoch keinesfalls eine aktive öffentliche Weiterbildungspolitik, wie wir sie aus anderen europäischen Ländern kennen. Dabei können die Erfahrungen eines gesellschaftlich geregelten und gesteuerten Systems von Weiterbildung und Weiterbildungsfinanzierung wie z.B. in Frankreich für die deutsche Diskussion deutlich machen, dass umfassende gesellschaftliche Regelungen von Weiterbildung auch in marktwirtschaftlichen Gesellschaften durchaus sinnvoll und zweckmäßig sind.

Die Beiträge in der Ausgabe 1-2009 von Reinhard Bahnmüller, Klaus Meisel, Dick Moraal, Wilfried Pater, Dieter Gnahs und Peter Faulstich diskutieren dieses Thema unter verschiedenen Aspekten.

Wann; wenn nicht jetzt?
Es ist leicht, beim Bildungsgipfel in Dresden eine Qualifizierungsoffensive zu vereinbaren und zwischen Bund und Ländern als Ziel die Erhöhung der Weiterbildungsbeteiligung auf 50% bis 2015 festzulegen. Schwerer ist es dagegen, Grundlagen zu schaffen, damit dieses Ziel auch verwirklicht werden kann. Ohne mehr Strukturpolitik in der Weiterbildung bleibt alles eine schöne Illusion, während gleichzeitig die Lücke zwischen Bedarf und Anforderungen immer weiter auseinanderklafft. Mehr als 30 Jahre nach der Forderung des Deutschen Bildungsrats, die öffentliche Verantwortung auszubauen, fragen wir: Wann, wenn nicht jetzt?

Mechthild Bayer
Referentin für Weiterbildung beim ver.di Hauptvorstand in Berlin


Quelle: Denk-doch-mal, Onlinemagazin für Arbeit-Bildung-Gesellschaft, Ausgabe 1/2009,



Aus dem Inhalt der aktuellen Ausgabe

Weiterbildung: Einen Bauplan gibt es nicht

Redaktionsmitglied Mechthild Bayer macht in der neuen Ausgabe der Online-Zeitschrift Arbeit-Bildung-Gesellschaft www.denk-doch-mal.de zum Weiterbildungsnotstand den Aufschlag. Sie plädiert für die Gewerkschaften für staatliche und gesellschaftliche Verantwortung, aber auch für entsprechende Regelungen. „Der Staat soll aktiv gestaltend in das Weitebildungsgeschehen eingreifen für mehr Regulierung und Systematisierung des wildwüchsig expandierenden Bildungsbereichs. Mit Vergesellschaftung statt weiterer Privatisierung meinen wir die gemeinsame Verantwortung von Staat und gesellschaftlichen Gruppen für Organisation, Finanzierung, Qualität, Regelung des Zugangs, Abschlüsse und Qualifizierung des Personals.“

Der BiBB-Wissenschaftler Dick Moraal (Bonn) ist sehr engagiert bei der europaweiten ECTS-Erhebung zur Weiterbildung. Er weiß genau wo Deutschland in Sachen Weiterbildung steht. Sein Fazit: D – ist in der Weiterbildung nur Mittelmaß.

Der Geschäftsführer des Forschungsinstituts für Arbeit, Technik und Kultur (F.A.T.K.) an der Universität Tübingen, Dr. Reinhard Bahnmüller, hat von Anfang an das zarte Pflänzchen Weiterbildungstarifverträge beobachtet. Bei Metall, bei Textil und Bekleidung und jetzt im öffentlichen Dienst. Er glaubt an den Erfolg dieses Instruments und kann dies auch belegen. Sein Fazit: Mit Tarifverträgen zur Weiterbildung haben die Gewerkschaften ein Fuß in der Tür.

Wilfried Pater ist Betriebsratsvorsitzender-Trainingscenter bei der Telekom. Er weiß wie es in der Praxis aussieht und was Betriebsräte in Sachen Weiterbildung bewegen können. Er sprach im Interview mit unserem Redaktionsmitglied Dr. Roman Jaich (Berlin) über seine Erfahrungen.

Die Volkshochschule in München gehört zu den großen in der Republik. Prof. Dr. Klaus Meisel, einst Forschungschef des DIE in Bonn, hat den Sprung in die Praxis, an die VHS der bayerischen Metropole gewagt und berichtet, wie moderne kommunal Daseinsvorsorge in Sachen Bildung aussehen kann. Sein Motto: Die VHS München ist ein aktives Beispiel für kommunale Daseinsvorsorge.

Die zentralen Frage nach dem Sinn und den Wirkungen von Bundesregelungen zur Weiterbildung beantwortet das Professoren-Duo Peter Faulstich und Dieter Gnahs (Hamburg, Bonn): Wird mit Bundesregelungen in der Weiterbildung alles besser: Beide arbeiten seit vielen Jahren in der Forschung zum Themenfeld Weiterbildung.


Die vollständige Ausgabe zum Thema: „Notstand-Weiterbildung“ finden sie auf der Homepage von Denk-doch-mal


Schlagworte zu diesem Beitrag: Betriebliche Weiterbildung, Volkshochschule, Hochschulen
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 14.04.2009

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 29.11.2020