Zurck zur bersicht

didacta 2010 Themendienst: Interview mit dem stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung

Neuer Wind für die Weiterbildung?

Hochschulen sind Ausbildungsinstitutionen. Aber auch die Weiterbildung gehört zu ihrem Aufgabenfeld. Bislang haben sie diese Verpflichtung eher stiefmütterlich behandelt. Warum das so ist und ob mit der Studienreform die Weiterbildung an den Hochschulen gestärkt werden wird, wollten wir von dem stellvertretenden Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für wissenschaftliche Weiterbildung, Helmut Vogt, wissen.


Herr Vogt, Ihr Verband will unter anderem die Weiterbildung an Hochschulen fördern. Wie steht es denn um diese Weiterbildung und wie sehr muss sie gefördert werden?

Helmut Vogt: Die Weiterbildung ist ja erst durch die Hochschulreform der siebziger Jahre ins Bewusstsein der Hochschulen getreten und zur gesetzlichen Aufgabe geworden. Das hatte aber– bis auf einzelne Versuche – in der Praxis nicht viele Auswirkungen. Wissenschaftliche Weiterbildung blieb in Deutschland weitgehend ein Nischengeschäft. Das hat sich nun durch den Bolognaprozess geändert. Denn jetzt gibt es erstmals in Deutschland einen Hochschulabschluss in der wissenschaftlichen Weiterbildung, den Weiterbildungs-Master.

Das heißt, für diesen speziellen Master gibt es auch andere Zulassungsbedingungen als für den "normalen" Master?

Helmut Vogt: Im Prinzip nicht. Bei der Hochschulreform der 70er Jahre hatte es zwar die Weiterbildung als einziger Bereich der Hochschulen geschafft, mehr Offenheit in die Zulassung zu bringen. Aber diese Offenheit ist nun dummerweise beim Weiterbildungs-Master verloren gegangen. Denn da gelten die ländergemeinsamen Strukturvorgaben: Vorausgesetzt wird ein Hochschulabschluss und eine mindestens einjährige Berufstätigkeit. Allerdings haben in der Zwischenzeit zwei Bundesländer Ausnahmen gemacht: Rheinland-Pfalz und Schleswig-Holstein und auch in Hessen wird darüber geredet. Dort soll es also die Möglichkeit geben, über eine berufliche Qualifizierung zum Weiterbildungs-Master zugelassen zu werden.

Wie wichtig ist das Thema Weiterbildung überhaupt für die Hochschulen? Wenn man im Internet recherchiert, findet man ja etliche Hochschulen mit umfangreichen Weiterbildungsangeboten.

Helmut Vogt: Das sind neben wenigen staatlichen Hochschulen vielfach die privaten – circa ein Viertel der deutschen Hochschulen ist unterdessen privat. Sie bieten häufig berufsbegleitende Bachelor- und Masterstudiengänge an. Anders als die staatlichen Hochschulen, die berufsbegleitende Bachelorstudiengänge zumeist nicht mit kostendeckenden Beiträgen belegen dürfen, ist es den privaten Hochschulen nämlich erlaubt, entsprechende Gebühren zu nehmen. Erst beim Weiterbildungs-Master dürfen auch die staatlichen Hochschulen zusätzliche Gebühren erheben.

Den staatlichen Hochschulen fehlt also das Geld für die Weiterbildung?

Helmut Vogt: Die staatlichen Hochschulen müssten zusätzliche Haushaltsmittel für eine entsprechende Infrastruktur bekommen. Nur so können sie die Angebote kostendeckend finanzieren. Daran hapert es aber. Die Hochschulen brauchen darüber hinaus Entwicklungskosten für die Studienprogramme. Sie müssen auch den Weiterbildungsbedarf ermitteln und Marketinginstrumente einsetzen und außerdem müssen sie mögliche Flops finanziell abfedern können, etwa wenn deutlich weniger Teilnehmer kommen als erwartet. Es gibt also tausend Gründe für ein finanzielles Polster.

Diese finanzielle Forderung richtet sich an die Bundesländer. Sind aber nicht die Hochschulen selbst auch in der Pflicht, sich mehr für die Weiterbildung zu öffnen und nicht nur nach dem Staat zu schielen?

Helmut Vogt: Eins müssen wir sehen: Diese starre Einteilung aus der Vergangenheit "Studium – Beruf – Weiterbildung" wird es in Zukunft nicht mehr geben. Viel mehr Menschen werden erst einen Beruf erlernen und dann studieren oder nach dem Bachelor zunächst in den Beruf einsteigen und später an die Hochschule zurückkommen. Wir kommen also in eine Situation, in der die Bildungswege immer individueller werden und Angebote sich nicht mehr in die gewohnten Schemata einpassen lassen. Was die nahe Zukunft angeht, ist zu hoffen, dass wir von starren Leistungspunkten beim Bachelor und Master und anderen Beschränkungen wegkommen und dass mehr Flexibilität in die Hochschulbildung einzieht. Und dass die Länder eine Infrastruktur für die Weiterbildung an den Hochschulen finanzieren und Möglichkeiten für eine stärkere Entwicklung und Platzierung von Angeboten schaffen. Die Hochschulen selbst müssen sich endlich dazu bekennen, dass Weiterbildung ein strategisches Ziel ihrer Planung und Ausrichtung ist. Es gibt einzelne Hochschulen, die haben dies in ihre Kernziele eingebracht und wenige Hochschulen, die schon in diese Richtung arbeiten. Und die große Masse redet davon, aber mehr auch nicht.


Dazu auf der didacta
Im Diskussionsforum "Hochschule trifft Schule" in Halle 6 werden an allen Messetagen von 11:00–16:00 Uhr Kurzvorträge zu verschiedenen Themen angeboten. Die einzelnen Schwerpunkte: 16.3.2010 "Lehrerbildung", 18.3.2010 "E-Learning", 19.3.2010 "Übergang Schule – Hochschule", 20.03.2010 "Berufsbild des Lehrers im Wandel". Am 17.1.2010 findet hier auch der Hochschultag 2010 zum Thema "Digitales Zeitalter in Schule und Hochschule – Veränderungen für Lehre, Prüfungen und Publikationen" statt.


Quelle: bildungsklick.de

Schlagworte zu diesem Beitrag: Qualifizierung, Weiterbildung
Dieser Beitrag wurde zuletzt aktualisiert am 03.02.2010

Quelle: www.netzwerk-weiterbildung.info
Druckdatum: 05.12.2020